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9.09.2017

300 Jahre Schulpflicht

Die Sommerferien sind vorbei. Am 4. September müssen alle schulpflichtigen Kinder wieder in die Schule gehen.

Albert Anker, 1848, Die Dorfschule

Man beachte den Begriff „schulpflichtig“. Viele Kinder wollen in die Schule gehen. Alle Kinder können in die Schule gehen. Die Kinder dürfen in die Schule gehen. Die Eltern erlauben es ihnen, in die Schule zu gehen. Selbst wenn die Kinder nicht wollten, könnten, dürften … sie sind verpflichtet in die Schule zu gehen, um Rechnen, Schreiben und Lesen zu lernen. In Deutschland gibt es eine Schulpflicht.

Das war nicht immer so.
Im Mittelalter gab es die Klosterschulen. Dort wurden die besonders begabten Kinder, überwiegend Jungen, aufgenommen und ausgebildet. Daneben gab es noch die Möglichkeit, die Kinder von einem Hauslehrer unterrichten zu lassen. Das konnten sich allerdings nur wohlhabende Familien leisten.

Die Kinder der Bauern und Handwerker dagegen bekamen keine Schulbildung. Einerseits, weil die Eltern es nicht für notwendig hielten, andererseits, weil die Kinder auf dem Feld und in der Werkstatt mitarbeiten mussten und keine Zeit für Schule hatten.
Der preußische König Friedrich Wilhelm I. jedoch glaubte, dass Kinder, die gut ausgebildet und im christlichen Glauben geschult waren, bessere Untertanen sein würden. Also setzte er eine Schulreform durch und führte am 28. September 1717 die allgemeine Schulpflicht ein. Das war vor genau 300 Jahren.

Wie immer bei allen großen Reformen gab es auch damals viele Proteste. Die Eltern wollten ihre Kinder lieber arbeiten lassen. Der Adel fürchtete um seine Vormachtstellung,  die Kirche fürchtete um den vorbehaltlosen Glauben und die Guts- und Grundbesitzer fürchteten die zusätzlichen Kosten.

Der preußische König versuchte, es allen rechtzumachen. Die Kinder im Alter von 5 bis 12 Jahren sollten im Winter täglich und im Sommer wenigstens ein- bis zweimal pro Woche in die Schule gehen, damit sie im Betrieb helfen konnten, aber das im Winter gelernte nicht wieder vergessen würden.
Die Kirche bzw. der Pfarrer in der Gemeinde erhielt die Aufsicht über den Schulbetrieb.
Für den Bau der Schulen stellte der König die Steine und weiteres Material kostenlos zur Verfügung.

Der Schulbetrieb sollte überhaupt möglichst wenig kosten. Das Schulgeld war sehr gering und für Eltern, die sich selbst das nicht leisten konnten, sollte die Gemeinde aus den Almosen dafür aufkommen. Die Lehrer wurden für den Unterricht nicht bezahlt. Sie mussten sich ihren Lebensunterhalt anders nebenbei verdienen. Oft wurden abgedankte Soldaten oder der Küster der Kirchengemeinde verpflichtet. Manche Lehrer mussten das, was sie unterrichten sollten, erst selber lernen.
Wenn die Schulpflicht auch nicht überall im Land durchgesetzt werden konnte, so schaffte es Friedrich Wilhelm I doch, innerhalb von knapp 25 Jahren die Zahl der öffentlichen Volksschulen in Preußen von 320 auf 1480 zu steigern.

Im Vergleich dazu: Heute haben wir allein in Berlin über 450 staatliche Grundschulen, davon 14 in Schöneberg.

Sein Nachfolger, Friedrich der Große, festigte 1763 das Schulwesen mit einem Generalschulreglement, eine erste Form der Schulordnung. Jetzt bekamen die Lehrer ein, wenn auch sehr geringes, Gehalt. Es wurde festgelegt, dass der Unterricht vormittags und nachmittags jeweils drei Stunden stattzufinden hatte, und dass die Kinder mehr als nur Religion und schreiben und lesen lernen sollten. Dabei wurden auch die ersten Seminare zur Lehrerausbildung eingeführt.
Das Schulsystem entwickelte sich jedoch nur langsam weiter. Etwa im Jahr 1900 gab es endlich überall in Preußen Volksschulen, die die Kinder täglich erreichen konnten. Aber erst 1904, als die Kinderarbeit vollständig verboten wurde, konnte endgültig durchgesetzt werden, dass alle Kinder zur Schule gehen müssen.

Heute ist die Schulpflicht in Deutschland eine Selbstverständlichkeit. Selbst die Kinder von Flüchtlingen müssen hier zur Schule gehen. Die Schulaufsicht obliegt nicht mehr der Kirche, sondern dem Staat. Das ist eindeutig in Artikel 7 des Grundgesetztes festgeschrieben.

Christine Bitterwolf

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