Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

3.11.2015

25 Jahre „Der Mann, der alles hat“

Vielen Bewohnern im "gefühlten Friedenau" jenseits der Autobahn ist der kleine Laden in der Begasstraße schon lange bekannt.

Foto: Franziska Dabitz

Dieser Geheimtipp sollte aber auch jenen, die sich sonst eher selten auf die andere Seite der Autobahn verirren, nicht vorenthalten werden. Dafür habe ich mich mit dem Inhaber des "Eisenwarenladen Georg Obel" unterhalten und dabei neben einem unzeitgemäß liebenswürdigen Menschen auch ein Stück interessanter Kiezgeschichte kennengelernt. Wir befinden uns im Hauptverkaufsraum, in dem ein großes Sortiment an modernen Haushaltswaren zu finden ist: eine stattliche Auswahl an Küchengeräten, Töpfen, Pfannen, Tretmülleimern, Bügelbrettern ... alles unter einem Dach. Die Waren sind mit Sorgfalt in Regalen bis unter die Decke sortiert und dekoriert. Der freundliche Inhaber, ein älterer Herr im Jeanshemd und mit jungenhaftem Bürstenhaarschnitt, ist ohne Zögern bereit, mir in angenehmer Offenheit Rede und Antwort zu stehen:

D: Guten Tag, Sie sind also Herr Georg Obel?
G: Nein, das ist nur mein Künstlername
D: Sie haben einen Künstlernamen? Auch Verkaufen kann eine Kunst sein, richtig?
G: (lacht) Die Firma ist vor 78 Jahren gegründet worden, von dem Onkel meiner Frau - DAS war der Herr Obel.
D: Sozusagen der Gründer des Imperiums
G: Richtig! Der Laden blieb in der Familie.
D: Darf man denn trotzdem Ihren wahren Namen erfahren oder ist der ein Geheimnis?
G: Mein Name ist Götting.
D: Herr Götting, wenn ich 78 Jahre zurückginge ...
G: Dann hätten wir 1937.
D: Sie können offensichtlich gut rechnen. Den Laden gibt es also seit 1937 an dieser Stelle?
G: Nein, früher befand sich der Laden noch in der Cranachstraße, dort sind wir 51 Jahre lang gewesen.
D: Wissen Sie noch die Hausnummer?
G: Nummer 1! Das erste Haus am Platz (lacht). Damals, zur Zeit der Wende, als die Stadt im Umbruch war, da wollte der Hauseigentümer von mir mehr als das Doppelte an Miete. Da war ich gezwungen, mich nach anderen Möglichkeiten umzusehen. Ich bin dann quer über den Damm fündig geworden.
D: Und da befinden wir uns heute, in der Begasstraße Nummer 3.
G: Ja, hier sind wir nun seit 25 Jahren.
D: Also könnte man eigentlich ein Jubiläum feiern.
G: Genau.
D: Herr Götting, hier im Kiez kennt man Sie auch unter dem Namen „Der Mann, der alles hat“. Die Bezeichnung spielt darauf an, dass man bei Ihnen wirklich (fast) alles bekommt, was ein Haushalt so braucht.
G: Ja, naja ... das stand sogar schon mal so im Internet – das haben mir Kunden berichtet. Wir haben uns immer daran orientiert, was der Mitbürger hier im Kiez an Wünschen hat und nicht daran, was wir unbedingt loswerden wollen.
D: Wenn man sich Ihre Schaufensterdeko anschaut (eine Nudelsieb-Lampe Marke Eigenbau), merkt man, dass Sie und Ihre Haushaltswaren den Schalk im Nacken haben.
G: Naja, ein bisschen Spaß muss schon sein ... Obwohl das eigentliche Kerngeschäft einmal die Eisenwaren gewesen sind.
D: Stichwort Eisenwaren. Auch ich kam schon des öfteren zu Ihnen, mit ziemlich speziellen Wünschen wie z.B. fünf Mini-Schraubhäkchen. Die Beratung und die Ruhe, mit der Sie sich den „Problemen“ Ihrer Kunden zuwenden - die findet man so ja in keinem Baumarkt. Und: Sie kennen sich offensichtlich wirklich aus mit den Eisenwaren, oder?
G: Ja, das ist richtig. Das war ja unser eigentliches Geschäft, obwohl dieser Bereich inzwischen nicht mehr eigenständig funktionieren würde.
D: Sie sprechen einen wichtigen Punkt an: in den Zeiten von Internet und großen Baumärkten - wie kann ein kleines Geschäft sich überhaupt noch behaupten in dem harten Konkurrenzkampf? Ist es Ihrer Leidenschaft für Ihren Beruf zu verdanken, dass sich Ihr Laden hält?
G: Ganz sicher. Wenn Sie es weiterdenken wollen ... man muss auch sehr leidensfähig sein (lacht)
D: Sie sagen das erstaunlicherweise ohne eine Spur von Bitterkeit.
G: Man muss die Dinge mit ganzem Herzen machen, damit sie funktionieren. Natürlich ist das auch ein Stück Selbstausbeutung. Wenn ich anfangen würde, betriebswirtschaftlich Arbeitszeit und Arbeitslohn aufzurechnen, dann wäre wohl der Zeitpunkt gekommen, den Schlüssel umzudrehen und den Laden einfach zuzumachen. Aber wenn man gern mit und für die Menschen arbeitet, dann ist das Ganze eine sehr dankbare Aufgabe.
D: Sie haben also auch einen Gewinn auf der menschlichen Ebene?
G: Na klar. Suchen Sie mal einen Job, der Ihnen auch nach 50 Jahren noch Freude macht. Ich habe ihn!
D: Beneidenswert! Was sind eigentlich die gängigsten Artikel, sozusagen Ihre Kassenschlager?
G: Alles was nicht gerade mainstream ist, Vieles was täglich gebraucht wird. Was wir immer wieder von Kunden hören: „In ganz Berlin bin ich rumgerannt, nirgends habe ich es bekommen, bei Ihnen krieg ich es!“
D: Das charakterisiert ziemlich treffend den Geist Ihres Ladens, oder?
G: So ist es. Bei uns gibt es auch die verborgenen Schätze, Dinge, die anderswo schon aus den Regalen verschwunden sind, weil sie sich nicht rechnen.
D: Sind es überwiegend ältere Menschen, die zu Ihnen kommen? Die mit dem Einkaufen im Internet nicht vertraut sind?
G: Es ist einigermaßen ausgewogen. Aber es ist auch eine soziale Aufgabe, den Laden zu führen, als Anlaufstelle für ältere Menschen, die kaum jemanden zum reden haben.
D: Für diese sind Sie dann womöglich der einzige Ansprechpartner?
G: Ja, auch der einzige Mensch, den man Jahre und Jahrzehnte kennt, mit dem man sich vertrauensvoll unterhalten kann.
D: Also ist das hier in jeder Hinsicht weitaus mehr als ein Eisenwarenladen?
G: Ganz sicher.
D: Eine Kiezinstitution?
G: Im weitesten Sinne ja (lacht).
D: Was machen Sie in Ihrer Freizeit?
G: Am Wochenende gehen meine Frau und ich gerne wandern oder schwimmen. Manchmal kommt meine Frau mittags in den Laden und sagt zu mir „Los, du musst jetzt mal hier raus und was anderes sehen!“ Dann schwinge ich mich auf mein Fahrrad und fahre Berlin und das Umland ab.
D: Bleiben Sie dem Kiez denn noch ein wenig erhalten oder denken Sie allmählich über Ihren Ruhestand nach?
G: Geplant ist da nix, die wichtigste Voraussetzung ist ja, dass man gesund ist. Solange es mir Spaß macht, bin ich hier.

Franziska Dabitz

Georg Obel Eisenwaren
Inh. Herr Götting
Begasstraße 3, 12157 Berlin,
am S-Bhf. Friedenau/Dürerplatz
Telefon (030) 855 75 40

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