Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

26.11.2013

24. Dezember in der Bahnhofsmission am Zoo

Überall gibt es im Dezember Weihnachtsfeiern, aber kaum jemand organisiert direkt am Heiligen Abend ein Fest für Andere. Verständlich, da will jeder sein eigenes Weihnachtsfest feiern.

Fotos: Hartmut Becker

In der Bahnhofsmission am Zoo aber wird am Tag des Heiligen Abends Weihnachten mit den Armen und Bedürftigen, mit den Obdachlosen gefeiert. Dahinter steht auch der Gedanke an die heilige Familie, die an diesem Tag in Bethlehem ankam und dort obdachlos war, und der Gedanke an das Kind in der Krippe, das Hilfe und Schutz brauchte.

Der Ablauf des Tages ist genau organisiert, und doch herrscht kreatives Chaos. Dieter Puhl, der Leiter der Bahnhofsmission, erzählt mit warmen Worten vom Engagement der vielen Helfer. Er hat nur wenige festangestellte Mitarbeiter, aber fast 100 ehrenamtliche Helfer. Einer seiner Ehrenamtlichen arbeitet hier jedes Jahr zu Weihnachten, und dann kommt auch seine Frau mit und hilft, weil sie auf diese Art am Heiligen Abend mit ihrem Mann zusammen sein will. Dazu kommen noch viele, die in den Wochen vor Weihnachten anrufen und fragen, ob sie helfen können, weil sie gern etwa Gutes tun wollen. Einmal meldete sich eine Schülerin, die er beeindruckt hatte, als er im Religionsunterricht die Arbeit der Bahnhofsmissionen vorgestellt hat. Das Mädchen hatte, vielleicht aus pubertärem Protest, seinen Eltern erklärt, statt der üblichen Feier zu Hause lieber in die Bahnhofsmission zu gehen. Und obwohl der Vater anfangs recht skeptisch war, kam dann die ganze Familie und empfand ihren Arbeitseinsatz als einen wunderschönen Weihnachtstag. So kommen die rund 40 Helfer, die im Laufe dieses Tages gebraucht werden, schnell zusammen.

Die Planungen für die Weihnachtsfeier beginnen schon sehr zeitig im Jahr. Diesmal kam schon im Sommer ein Anruf, der eine Spenden-summe zusagte, mit der die Gänsekeulen für den Festtag bezahlt werden können. Das gibt dann rechtzeitig eine gute Planungssicherheit. Doch Herr Puhl versichert, er würde notfalls auch mit Käsestullen feiern.

Der Tag startet um 8.00 Uhr morgens mit einer kleinen Andacht für alle Mitarbeiter, dann werden die Zeitpläne besprochen und die Auf-gaben und Arbeiten für den ganzen Tag verteilt.
Das große Weihnachtsessen gibt es immer ab mittags. Leider nicht für alle, das ist organisatorisch nicht möglich, aber immerhin doch für fast 200 Gäste. Normalerweise werden hier täglich etwa 600 Essen ausgegeben. Für das Festessen am 24.12. werden ein paar Tage vorher extra Einladungskarten ausgegeben. Doch auch alle Anderen sollen an diesem Tag nicht hungern und frieren.

Neben der Tür zur Bahnhofsmission errichten vormittags Berliner Polizisten einen Stand, an dem sie warme Kleidung ausgeben, die sie in ihren Dienststellen gesammelt haben. Die Polizei ist eben doch ein Freund und Helfer, wenn sie auch manchmal von den Wohnungslosen nicht so wahrgenommen wird.

Auf der anderen Seite der Tür werden Bratwürste ausgegeben, an die 3000 Würste gehen da über die Theke. Heute dürfen die Leute auch mal zwei oder drei Würste essen, während sonst darauf geachtet wird, dass sich jeder nur einmal anstellt. Diese Würste bekommt die Bahnhofsmission alle aus Spenden, Geldspenden, Einkaufsgutscheinen, manch ein Berliner kommt auch mit einem Paket Würstchen unterm  Arm selbst vorbei. Herr Puhl strahlt, während er das erzählt. Er freut sich, dass die Menschen, denen es gut geht, dies nicht als selbstverständlich hinnehmen, sondern bereit sind, ein Stück zu teilen.
Inzwischen werden drinnen die Tische zu einer langen Tafel zusammen geschoben und mit weißen Tischdecken eingedeckt, mit Kerzen dekoriert und Servietten hingelegt, ein Weihnachtsbaum steht in der Ecke.

Um 13.00 Uhr geht es dann richtig los. Die erste Gruppe wird herein gebeten, ausnahmsweise dürfen heute auch die Hunde mit reingebracht werden. Die Gäste nehmen an der weihnachtlichen Tafel Platz. Ruhe kehrt ein. Eine kurze Andacht wird gehalten. Das Essen wird serviert, ja, serviert. Sonst stellen sich die Hungrigen am Tresen an und gehen mit ihren Tellern zu irgend einem Tisch. Heute sind es die Mitarbeiter der Bahnhofsmission, die ihnen das Essen bringen. Es gibt Gänsekeulen mit Klößen und je nach Wahl Rot- oder Grünkohl.

Dazwischen geschehen manchmal kleine Wunder. So klopfte vor ein paar Jahren eine Frau an, die nur noch einen Beutel mit Kleidung ab-geben wollte. Irgendetwas in ihrem Blick veranlasste Dieter Puhl, sie herein zu bitten und sie aufzufordern, noch mehr zu helfen. Sie zog die blaue Jacke der Bahnhofsmission an und arbeitet für den Rest des Abends mit. Sie arbeitet seitdem regelmäßig hier. Und viel später gestand sie, dass sie an diesem Abend tatsächlich am Leben gezweifelt hatte und sich dann hier unerwartet geborgen fühlte.
Aber es ging auch mal die Tür auf, und plötzlich trat ein kleiner Chor der Komischen Oper ein und gab spontan ein wunderbares Konzert. In diesem Jahr hat sich rechtzeitig eine Pop-Gruppe angekündigt, die einige ihrer Songs zum Besten geben will. Es sollen sogar ein paar Weihnachtslieder dabei sein.

Kurz vor Schluss bekommen die Gäste noch jeder eine Weihnachts-Tüte. Diese Tüten werden von Kindern in Berliner Schulen gepackt. Sie sind sehr unterschiedlich und individuell gefüllt mit Dingen, die man auf der Straße braucht. Warme Socken, et-was zu essen, Tabak oder ein Stück Seife, vielleicht auch mal ein kleines Buch, und immer sollte eine Karte mit einem Gruß dabei sein. Nach zwei Stunden wird die Weihnachtsfeier beendet.
Der Raum wird aufgeräumt und wieder neu hergerichtet für die nächste Gruppe. Dreimal werden an diesem Tag mindestens 60 Leute bewirtet. Abschließend wird die Tafel ein letztes mal eingedeckt, und dann gibt es ein Weihnachtsessen für die Helfer, die den ganzen Tag so fleißig gewesen waren.

Um 22.00 Uhr findet dann ein feierlicher Gottesdienst am Hauptbahnhof statt. Hier wird die große Halle zur Kathedrale für Alle. Die Predigt  wird hoch oben auf der Rolltreppe gehalten, im Hintergrund fahren die Züge ein und aus, und unten stehen alle zusammen und hören die Weihnachtsgeschichte, die Mitarbeiter der Bahnhofsmission und der Deutschen Bahn, die Obdachlosen, die Berliner Durchschnittsbürger und vielleicht auch ein paar Reisende.

An den Weihnachtsfeiertagen herrscht dann fast schon wieder Alltagstimmung in der Bahnhofsmission am Zoo. Wahrscheinlich steht noch der Adventskranz auf einem Tisch und der Baum in der Ecke, und sicher gibt es noch ein Stück Stolle für die Gäste, aber das Leben geht seinen gewohnten Gang weiter.

Bahnhofsmission Zoo
Jebensstraße 5
10623 Berlin

Spendenkonto: 31 81 907
Bank für Sozialwirtschaft
BLZ 100 205 00


Christine Bitterwolf