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30.11.2011 / Menschen in Schöneberg

2011 war das internationale Jahr des Ehrenamtes

Deshalb hat man also in diesem Jahr soviel von ehrenamtlicher Arbeit und Ehrungen gehört. Man konnte den Eindruck gewinnen, in jeder Zeitung und Zeitschrift gab es ein Serie, um ehrenamtliche Helfer hoch leben zu lassen, „Stille Helfer“, „Menschen mit Herz“ oder ähnliches. Es ist erstaunlich, wie viele Menschen sich ehrenamtlich engagieren, in ganz Deutschland sollen es etwa 23 Millionen sein.
Ehrung ehrenamtlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Nachbarschaftsheim Schöneberg e.V. im Rathaus Schöneberg. Foto: Thomas Protz

Wer sind diese Leute, die Zeit und Interesse aufbringen ohne Bezahlung zu arbeiten? Einige sind arbeitslos und erhoffen sich durch den Nachweis regelmäßiger Arbeit und durch die dabei erworbenen Qualifikationen einen Wieder-einstieg ins Berufsleben. Andere sind noch Schüler und Studenten, die sich auf diese Weise einen Einblick in ihre Wunschberufe verschaffen wollen. Manche stehen fest im Berufsleben und finden daneben noch Zeit für ehrenamtlichen Einsatz. Doch einen großen Teil der Ehrenamtlichen stellen die Ruheständler, die noch nicht zum alten Eisen gehören, die ihre berufliche Qualifikation weiterhin zur Verfügung stellen wollen oder einfach nur endlich das tun möchten, wofür sie während der Berufstätigkeit keine Zeit hatten.

Damit ist nun auch schon die Frage beantwortet, warum wird man ehrenamtlich tätig. In den meisten Fällen ist es der Wunsch, etwas zu tun, was Spaß macht und sinnvoll ist. Man will Gutes tun, beispielsweise im sozialen oder ökologischen Bereich. Oder man will etwas bewegen, nicht immer alles den Anderen überlassen, sondern selbst tätig werden und in bestimmten Bereichen mitwirken, wie auf den Gebieten Kultur oder Information. Es gibt aber auch Aufgaben, denen man sich kaum entziehen kann. Mit der Ernennung zum ehrenamtlichen Richter beispielsweise wird man in ein staatsbürgerliches Ehrenamt berufen, das man selten ablehnen kann. Damit widerspricht die Tätigkeit eigentlich dem Grundprinzip ehrenamtlicher Arbeit, nämlich der Freiwilligkeit

Früher war es eine Ehre für eine Institution oder einen Verein eine besondere Aufgabe übernehmen zu dürfen. Bei den alten Griechen war nur der ein ehrenwerter Bürger, der ein freiwilliges Amt für Staat oder Gesellschaft übernommen hat.
In heutiger Zeit werden ehrenamtlich überwiegend die Arbeiten ausgeführt, die zusätzlich erforderlich sind, die über das eigentliche Angebot eines Trägers hinaus gehen. Im Rahmen der allgemeinen Sparmaßnahmen und Rationalisierungen wurde überall gekürzt und vieles gestrichen, was sich hinterher dann doch als erforderlich erwiesen hat. Damit war das ehrenamtliche Engagement gefragt. Nun gibt es Lesepaten in Schulen, dabei war es mal Aufgabe der Lehrer, die Lesefähigkeit der Kinder zu fördern. Wir haben in Schöneberg eine Bibliothek, die nur von ehrenamtlichen Mitarbeitern betrieben wird, es war mal Aufgabe des Senates für öffentliche Bibliotheken zu sorgen. Besuchsdienste in Alten- und Pflegeheimen waren früher nicht erforderlich, weil die Schwestern sich die Zeit nehmen konnten, ihre Patienten auch seelische und moralisch zu betreuen. Manche Angebote jedoch werden von vornherein nur mit kostenlosen Mitarbeitern geplant. Der Tierpark z.B. könnte Kindergeburtstage und Seniorenbegleitung nicht anbieten, wenn er nicht auf einen festen Stamm an ehrenamtlichen Mitarbeitern zurückgreifen könnte. Schön, so haben manche Institutionen ihre Prestigeobjekte und mancher Ehrenamtliche eine sinnvoll Aufgabe, eigentlich eine win-win-Situation. Aber möglicherweise hat dadurch auch mancher Arbeitnehmer keinen bezahlten Arbeitsplatz. Wiederum gibt es inzwischen bei einigen Projekten so viele ehrenamtliche Mitarbeiter und Aufgaben, dass es einer aufwendige Organisation bedarf, alles zu koordinieren und dafür wird dann gelegentlich wieder festes Personal eingestellt.
Das Angebot für ehrenamtliche Arbeit ist mittlerweile so groß, dass es bereits den sogenannten „Markplatz der Freiwilligenarbeit“ gibt. Im Mai wurde im Roten Rathaus und im Oktober im Schöneberger Rathaus eine Ehrenamts-Börse durchgeführt, bei der über das vielfältige Angebot an zusätzlichen Aufgaben informiert wurde.

Die Träger der Projekte wissen auch, was sie an ihren unentgeltlichen Mitarbeitern haben. Des-halb fanden in letzter Zeit so viele Feiern und Ehrungen statt. Die Sozialstadträtin ehrte in der Fußgängerzone Wilmersdorfer Straße. Die Caritas lud zu einem Fest im Haus der Kulturen ein und stellte fest, dass zu viele der Eingeladenen zusagten, worauf ein Teil wieder ausgeladen werden musste. Wie peinlich. Das Diakonische Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz feierte das größte Ehrenamtsfest Berlin-Brandenburgs im Palais am Funkturm. Das Nachbarschaftsheim Schöneberg feierte etwas bescheidener im Schöneberger Rathaus: Dabei er-klärten die Moderatoren sehr richtig, ehrenamtliche Arbeit sei nur im Team möglich, und T e a m  steht für: Toll, ein anderer macht’s!

Es gibt noch viele weitere Aspekte, die hier erörtert werden könnten. Jedoch, wer sich zur ehrenamtlichen Tätigkeit bereit findet, weiss, dass er dies unentgeltlich tut, und oft nicht mal seine Auslagen erstattet bekommt. Man arbeitet nur für die Ehre.

Christine Bitterwolf

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