Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

22.12.2018

1918 / 1919 - Sieg der Demokratie

Friedenau im Dezember 1918: In Berlin herrschte nach der Abdankung des Kaisers und dem Ende der Monarchie politische Unruhe, während in Friedenau nach der Errichtung des Arbeiter- und Soldatenrats die Uhren betulich langsam gingen und man sich – bürgerlich und konservativ wie gewohnt - den neuen Dingen des Alltags widmete.

Plakat, abfotografiert aus einer Ausstellung im Deutschen Bundestag. Foto: Hartmut Ulrich

So konnte man z.B. am 6. Dezember und in nachfolgenden Ausgaben des Friedenauer Lokal – Anzeiger auszugsweise lesen: Der Streit um die roten Fahnen auf dem Rathaus war zwar heftig, aber moderater geworden; man einigte sich vorerst auf den roten Fahnenerhalt und zusätzliche grüne Girlanden als Begrüßung für die heimkehrenden Soldaten. Der „Volksausschuss zum Schutz der gemeinnützigen Einrichtungen“ sorgte weiterhin unbewaffnet für die Sicherheit der Bevölkerung; lediglich einige „Spitzbuben“ wurden nachts gefasst. Die Polizeistunde wurde abgeschafft und der Branntweinausschank wieder erlaubt. Die lt. Erlass vom 2.6.1917 beschlagnahmten Fahrräder wurden – soweit noch vorhanden - mitsamt ihrer Gummireifen zurückgegeben und das Radfahren öffentlich freigegeben. Die Versorgungslage der Bevölkerung stabilisierte sich allmählich. Aus Norwegen gab es wieder Heringe. Auch „Auslandseier für Kranke“ waren nun im Angebot. An der Kaisereiche sollte nach dem Vorbild der Toilette am heutigen Breslauer Platz eine neue öffentliche Toilette mit Unterstand errichtet werden. Eine Buslinie sollte regelmäßig von Friedenau zum Besuch der Weltkriegstoten auf den Stahnsdorfer Friedhof fahren. Die Lichtspielhäuser boten erbauliche Filme wie „Das Schweigen im Walde“, „Das Buch der Träume“, „Entsagtes Glück“, „Die BettelGräfin“, „Hanne und die sieben Freier“. Das Cafe Wocz an der Kaisereiche zelebrierte nachmittäglichen Tanz-Tee. Fräulein Hildegard Schröder sang abends mit dem Friedenauer Lautenchor vor dem Friedenauer Hausfrauenverein zur Begeisterung der Zuhörer und gefiel vor allem durch ihre vortreffliche Intonation bei ihren Liedvorträgen. Im weiteren Programm des Abends lösten Tänze mit reizenden Bauerntrachten sowie das Singspiel „Die Maus“ höchste Begeisterung und Entzücken beim Publikum aus.

Unter dieser Fassade aber rumorte es in den Ortsversammlungen. Die Wahlen zur verfassungsgebenden Nationalversammlung am 19.1. 1919 standen nunmehr vor der Tür. Die Parteien mit einem Spektrum von spartakistisch bis monarchistisch warben in zahlreichen Anzeigen im Lokal-Anzeiger und in Ortsversammlungen um die Stimmen der Bevölkerung, und erläuterten, warum gerade ihre Partei gewählt werden sollte.

Der eigentliche Paukenschlag zur Wahl für die neue Republik war nämlich bereits im November durch den demokratisch gewählten „ Rat der Volksbeauftragten“ in Berlin geführt worden: Es wurde nicht nur das seit langem geforderte Wahlrecht für Frauen beschlossen, sondern das noch viel weiter führende allgemeine, unmittelbare, geheime, freie und gleiche Verhältniswahlrecht eingeführt und gleichzeitig das Wahlberechtigungsalter von 25 auf 20 Jahre herabgesetzt. Damit war die Abschaffung des bisher in Preußen geltenden Dreiklassen-Wahlrechts vollzogen, wodurch jeder Einwohner bei der Wahl der Abgeordneten nunmehr das gleiche Stimmengewicht – unabhängig von seinem Einkommen, seiner Steuer und seiner Klassenzugehörigkeit - hatte. Ein Beispiel möge dies verdeutlichen: In Preußen waren je nach Steueraufkommen bis dato drei Wahlklassen I – III gültig. Klasse I mit dem höchsten Steueraufkommen (i.d.R. Großgrundbesitzer und Adlige); Klasse II mit mittlerem Steueraufkommen (i.d.R. Kaufleute, Beamte usw.); Klasse III alle übrigen Einwohner Preußens. Die Abgeordneten wurden indirekt über Wahlmänner gewählt, wobei jede Klasse ein Drittel der Wahlmänner bestimmte. Das bedeutete de facto, dass die ca. 83% der Wähler aus Klasse III gleich viele Wahlmänner bestimmen konnten wie die ca 4% Wähler aus der Klasse I; mithin hatte eine Wählerstimme aus Klasse I ein ca. 20-faches Gewicht gegenüber einer Wählerstimme aus der Klasse III.) Dieses alte Wahlrecht räumte somit den Interessen der Klasse I bei der Gesetzgebung einen höheren Stellenwert ein.

Friedenau im Januar 1919: Weihnachten und Sylvester verliefen ruhig und friedlich, wie es sich dem Namen nach gehörte. Die Berliner Unruhen, der Spartakusaufstand und die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, interessierten in Friedenau nur wenig. Aber am 19.1.1919 standen nun die mit Spannung erwarteten Wahlen für die verfassungsgebende Nationalversammlung nach dem neuen Verhältnis- und Frauenwahlrecht an. Die Sicherung der Wahllokale übernahm die neue Friedenauer Bürgerwehr. Der Friedenauer Lokal – Anzeiger vom 21.1. 1919 konstatierte eine hohe Wahlbeteiligung im konservativen Friedenau und dazu eine Überraschung: Von insgesamt 29.519 wahlberechtigten Einwohnern erhielten die „Liberal-Linken“ (Deutsche Demokratische Partei, Mehrheitssozialisten / SPD, USPD) dank der vielen Frauenstimmen und des neuen Verhältniswahlrechts 55,3 % der Stimmen. Im Reich erhielten die „Liberal-Linken“ mit 64,1 % eine noch höhere Zustimmung. Das Ende der Monarchie war somit besiegelt und der Weg für die Bildung einer vom Volk gewählten Regierung frei. Eine neue Republik mit einem parlamentarischen Parteiensystem konnte gegründet werden!

Eine Woche nach der verfassungsgebenden Nationalversammlungswahl begannen auch in Friedenau sogleich die Mobilisierungskampagnen der Parteien für die Wahlen zum kommenden Preußischen Landtag am 26.1.1919. Am 27.1.1919 meldete der FLA das Wahlergebnis: Wahlbeteiligung ca. 71 %; 26962 gültige Stimmen, davon „liberal-links“ 53,2 %. In Friedenau dominierte nun erneut der republikanische Wille!
Übrigens: Das Verhältniswahlrecht gilt auch heute noch (Art. 38 Grundgesetz !)

Hartmut Ulrich