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25.10.2018

11. November 1918 - Rote Fahnen über Berlin, Schöneberg und Friedenau

Prolog: Wilhelmshafen, den 31. Oktober 1918 in der Frühe: Dem Panzerkreuzer „Moltke“ wurde der hintere Schornstein rot angestrichen.

Postkarte, abfotografiert aus einer Ausstellung im Geheimen Staatsarchiv. Foto: Hartmut Ulrich

Die gesamte Hochseeflotte und der Flottenstab sollten den Hafen verlassen. Das bedeutete: kein Manöver, sondern Angriff gegen die „Royal Navy“ der Engländer. „Siegen oder sterben“ und „gen England“ hieß der Befehl der obersten Flottenleitung. Die Schiffsbesatzungen wussten: Eine Ausfahrt bedeutete den Tod von 80.000 Matrosen und Soldaten. So verweigerten die Besatzungen den Gehorsam, um zu Überleben. Auf verschiedenen Schlachtschiffen löschten sie das Feuer unter den Kesseln und zerstörten die Ankerlichtmaschinen. Das Auslaufen der Kriegsschiffe und  die Seeschlacht wurden so verhindert, aber 1.000 Matrosen wurden für ihre Gehorsamsverweigerung zunächst verhaftet und in Gefängnisse nach Bremerhaven gebracht. Ihnen drohten Kriegsgericht und Todesstrafe.
Im Flottenstützpunkt Kiel kam es deshalb sofort zu solidarischen Demonstrationen gegen die Seekriegsleitung und für die Freilassung ihrer Kameraden. Am 4. November hatten sich so viele erboste Arbeiter, Soldaten und Matrosen der Erhebung angeschlossen, dass der Kieler Militärgouverneur die Gefangenen freilassen musste. Matrosen und Marinesoldaten besetzten die wichtigsten  militärischen und zivilen Dienststellen und übernahmen die Macht mit  der Bildung eines „Soldatenrats“.
Der Matrosenaufstand breitete sich rasch über das gesamte kriegsmüde Land aus und führte überall zur Ausbildung von „Arbeiter- und Soldatenräten“. In München und Braunschweig wurden Republiken gegründet; der bayerische König Ludwig III. verzichtete auf den Thron. Die „Volkserhebung gegen den Militär- und Obrigkeitsstaat“ erreichte schnell auch Berlin.

Berlin: Am 9. November spitzte sich im inzwischen revolutionären Berlin die Lage zu: Reichskanzler Prinz Max von Baden verkündete unter dem Druck des Aufstandes die Abdankung von Wilhelm II. und übergab die Macht an Friedrich Ebert, einen Sozialdemokraten. Unter seiner Leitung wurde als vorläufige Regierung der „Rat der Volksbeauftragten“ aus der sozialdemokratischen Mehrheitspartei (MSPD) und der USPD gebildet. Am 10. November wurde im Zirkus Busch dieser Rat bestätigt. Als wichtigste Maßnahme wurde  am 11. November der Friedensvertrag in Compiegne geschlossen. Die militärische Niederlage wurde also nicht von den Kriegsverantwortlichen unterzeichnet, sondern von der neuen demokratischen Regierung der Volksbeauftragten.

Die Monarchie war am Ende; Wilhelm II. entzog sich seiner Verantwortung durch Flucht ins holländische Exil. Fast sein gesamtes Mobiliar aus dem Potsdamer Neuen Palais nahm er in 69 Güterwagen mit. Hindenburg überließ er das militärische Oberkommando. Der inzwischen entlassene General Ludendorf entzog sich seiner Verantwortung floh in Verkleidung und mit falschen Papieren nach Schweden.

Friedenau: Der Friedenauer Lokal-Anzeiger meldete am 11. November 1918: Friedenau unter der Leitung des Arbeiter- und Soldatenrats: „… Der Stein war ins Rollen gekommen und war nicht mehr aufzuhalten. Ziemlich harmlos nahm sich der Zug der vielen Tausend Goerzschen Arbeiter aus, der sich gegen 12 – ½ 1 Uhr durch die Rheinstraße bewegte. In Reihen zu vier bis fünf geordnet, schritten die Arbeiter ohne besondere Abzeichen, mit einigen unbewaffneten Soldaten an der Spitze, ruhig daher. … Von Mariendorf kam halb nach 2 Uhr eine vieltausendköpfige Menge, Männer und Frauen, mit roten Bändern geschmückt und roten Fahnen im Zuge. Bewaffnete Soldaten und Zivilpersonen, sowie Ordner begleiteten den Zug. … Dieser Zug unter der Roten Fahne änderte sofort das Straßenbild Friedenaus. … Namentlich in der Rheinstraße, an der Kaisereiche, staute sich die Menge. … Am Nachmittage wurden dann durch blaue Anschläge bekannt gegeben, daß sich in Friedenau ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet habe, dessen Obmann der sozialdemokratische Gemeindevorsteher Paul Richter, z.Zt. Landsturmmann, ist. ... Die Kontrolle der Gemeindeverwaltung ist im Einverständnis mit dem Bürgermeister übernommen worden.“ Auf dem Rathausturm wehte nunmehr die rote Fahne.

Schöneberg: Das  Schöneberger Tageblatt meldete am 23. November 1918 verschiedentliche Miscellen zum Tagesgeschehen, u.a.: „Die gesamte Lehrerschaft Schönebergs, etwa 900 Personen, trat gestern Nachmittag zusammen und wählte als Vertreter beim Arbeiter- und Soldatenrat den Rektor Jakob.
Die Beamtenschaft Schönebergs, etwa 1500 Personen, traf heute zusammen, um zwei Vertreter für den Arbeiter- und Soldatenrat zu wählen.
Eine öffentliche Versammlung der liberalen Männer und Frauen findet am Freitag um 8 Uhr in der Aula der Hohenzollernschule, Belziger Str. 48, statt. Dr. Heuß wird über den deutschen Volksstatt sprechen.“
Unsere Lichtspieltheater spielen u.a.: „Die Heimkehr des Odysseus“, „Die Fürstin von Beranien“, „Schnurzel auf Reisen“, „Wer nicht die Jugend küsst“, „Der Weg zur Verdammnis“, „Die drei blonden Mädel vom Lindenhof“, „Liebesopfer", „Arme Lena“.

Bis zum Dezember 1918 blieb in Schöneberg und Friedenau die Lage relativ ruhig. Ein „Volksausschuß zum Schutz der gemeinnützigen Einrichtungen“ wurde eingerichtet und sorgte u.a. für die Aufrechterhaltung der Ernährung, des Verkehrs, der Unterbringung der zurückkehrenden Soldaten und die öffentliche Sicherheit. Wichtige politische Entscheidungen, die im Kern noch heute gültig sind, wurden allerdings  von der  Regierung in Berlin getroffen.

Rat der Volksbeauftragten: Die neue Regierung unter Friedrich Ebert verkündete umgehend wichtige neuartige wirtschaftspolitische Maßnahmen: Aufhebung der Ausnahmezustandsgesetze und der restriktiven Anordnungen des Militärs; Ankündigung von Gesetzen u.a. zum Recht auf Arbeit, auf einen Achtstundentag, Ausweitung der Erwerbslosenunterstützung und Krankenversicherung. Besonders bahnbrechend war das „Stinnes-Legien-Abkommen“ zwischen Unternehmerverbänden und Gewerkschaften vom 15. November, das u.a. die Rückkehr der Soldaten zum alten Arbeitsplatz,  Mitwirkung und Mitbestimmung der Gewerkschaften bei Tarifverträgen in Form von Arbeiterausschüssen und Schlichtungsstellen und die Einrichtung einer paritätischen „Zentralarbeitsgemeinschaft“ für grundsätzliche Fragen zwischen Unternehmern und Gewerkschaften vorsah. Es wehte damit ein neuer Geist in einer neuen Gesellschaft! Das Kaiser-reich wurde zur demokratischen Republik !

Übrigens: Im Museum Tempelhof/Schöneberg in der Hauptstraße 40/42 ist noch bis zum 11. November 2018, 18.00 Uhr, die kleine, aber feine und anschauliche Ausstellung „Die Revolution in Schöneberg“ zu sehen (Unser Redaktionsmitglied Ottmar Fischer berichtete darüber in der Juli/ August-Ausgabe). Zwei kleine Anmerkungen im Gästebuch mögen unsere Leser zum Besuch motivieren: „Aus der Geschichte lernen. – Keine Mythen! – Keine Verklärungen! – Die Menschen von damals sind uns ähnlicher als wir wahrhaben wollen“!; „Es sollte mehr Öffentlichkeitsarbeit für diese kleinen „Perlen“ in der Nachbarschaft geben, damit möglichst viele Menschen in den Genuss dieser tollen und interessanten Ausstellung komm. Bei mir hat die Ausstellung definitiv das Interesse an dieser spannenden Epoche geweckt. Vielen Dank dafür!“ (Name bekannt).

Hartmut Ulrich

Kundgebung
›November 2018 – 100 Jahre unvollendete Revolution‹
Do 08.11.2018, 17:00 Uhr
Brandenburger Tor, Pariser Platz
Es reden: Bodo Zeuner, Poltikwissenschaftler
Doris Heinemann-Brooks, ver.di
Rolf Becker, Schauspieler, ver.di
Mehr Infos unter: http://1918unvollendet.blogs-port.eu/