Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

02.08.2011 / Projekte und Initiativen

100 Jahre Tiele-Winckler-Haus in Friedenau

Vor genau 100 Jahren hatte Eva v. Tiele-Winckler, die Namensgeberin der Tiele-Winckler-Haus GmbH und Gründerin des Friedenshortwerkes die „Zufluchtsstätte“ in Friedenau, das „Heim für gefallene Mädchen“, wie man es damals genannt hatte, vom evangelischen Frauenbund Pankow übernommen.
Eva v. Tiele-Winckler

„Entschuldigen Sie, Herr Bundespräsident, ich möchte Sie begrüßen. Sie sind nun mein Nachbar“ so ging Frau N. vor einigen Jahren im Garten des Schlosses Bellevue in Berlin auf Herrn Herzog  beim Tag der offenen Tür zu.
Frau N. wohnt seit 18 Jahren in einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft der Tiele-Winckler-Haus GmbH in unmittelbarer Nachbarschaft des Schlosses Bellevue in Berlin.
Sie ist eine selbstbewusste neugierige 70jährige Rentnerin – stets offen für Neues. In ihrem Kiez kennt sie viele Menschen, sie verbringt ihre Freizeit mit einer ehemaligen Tänzerin, hat leidenschaftlich Theater in der Crew von Christoph Schlingensief gespielt, hilft ehrenamtlich mit im Seniorencafe ihrer Kirchengemeinde, ist befreundet mit einem ehemaligen Brandenburger Bürgermeister, der eine Frau geworden ist.
Sie hat unseren Respekt und ist uns Vorbild in Sachen Toleranz, Mut und Offenheit. Man könnte sagen, sie lebt inklusiv in unserer Gesellschaft.

Das war nicht immer so.
Ihre Karriere begann vor mehr als 50 Jahren als angepasste brave Bewohnerin mit geistiger Behinderung des Hauses „Zum guten Hirten“ in Berlin Friedenau. Damals lebte und arbeitete sie dort  mit 30 jungen Frauen und Diakonissen des Friedenshortwerkes – liebevoll behütet in Abhängigkeit von den Schwestern und emotionaler Unselbständigkeit.
In der damaligen Zeit war es „normal“ für Menschen mit einer geistigen Behinderung, in einem Heim zu leben. Selbst bestimmtes Leben war damals in Deutschland für Menschen mit geistiger Behinderung nicht vorgesehen und nicht denkbar.  

Vor genau 100 Jahren hatte Eva v. Tiele-Winckler, die Namensgeberin der Tiele-Winckler-Haus GmbH und Gründerin des Friedenshortwerkes  die „Zufluchtsstätte“ in Friedenau, das „Heim für gefallene Mädchen“, wie man es damals genannt hatte, vom evangelischen Frauenbund Pankow übernommen. Sie setzte ihre eigenen Schwestern zur Betreuung der weiblichen „Zöglinge“ ein. Mutter „Eva“, wie sie im Friedenshort genannt wird, gründete bereits 1911 mit der Übernahme dieses Hauses in Friedenau in großer Weitsichtigkeit und – wie wir heute sagen – mit Sinn für Nachhaltigkeit die erste GmbH des Friedenshortes, der Grundstein der späteren Tiele-Winckler-Haus GmbH. Inhaltlich sorgte sie dafür, dass die aufgenommenen Mädchen in der Hauswirtschaft unterrichtet wurden und führte Gesangs- Bildungs- und Turnstunden ein.

Mit den Jahren entwickelte sich das Haus in Friedenau zu einem Heim der Behindertenhilfe mit 19 Plätzen, in dem noch bis 1990 Friedenshort-Diakonissen arbeiteten und mit den Frauen lebten.

Seitdem hat sich die Tiele-Winckler-Haus GmbH stetig verändert und erweitert.   
Seit Ende der 1980iger Jahren setzt sich der Träger besonders für die Rechte von Menschen mit schwerer geistiger Behinderung bzw. besonderem Hilfebedarf ein.
Damit folgt er der Tradition Mutter „Eva`s“.
Entsprechend ihrem Motto: „ Alles ist möglich, dem der da glaubt“, sieht der Träger sich in der Verpflichtung, gerade Menschen mit besonderen Bedarfslagen als Maßstab zu nehmen in seinen Bemühungen um Teilhabe –Chancen für Menschen mit geistiger Behinderung.
Es folgte die Errichtung neuer Wohnangebote für Menschen mit geistiger Behinderung:
So entstand 1991 das Wohnheim Berlin-Lichtenrade in einem guten Wohngebiet.
 Hier zogen im Rahmen der Enthospitalisierung 23 Menschen mit geistiger Behinderung ein, die vorher Jahrzehnte in der Psychiatrie unter unsäglichen Bedingungen verwahrt  und dort vergessen worden waren.
!999 eröffneten der Träger auf Bitten des Bezirkes in Hellersdorf ein Wohnheim für Erwachsene, die nach Jahrzehnte langem Psychiatrieaufenthalt in einem Pflegeheim fehl platziert waren.
2001 begann die Tiele-Winckler-Haus GmbH in Berlin-Weißensee die Arbeit in einem kleinen Wohnprojekt für 16 junge Erwachsene mit besonderen Bedarfslagen , was gemeinsam mit den Angehörigen jahrelang beim Berliner Senat erkämpft, geplant und entwickelt wurde.

Parallel wurde das ambulante Wohnangebot mit betreuten Wohngemeinschaften und Betreuten Einzelwohnen aufgebaut. Auch im hier werden Menschen mit besonderen Bedarfslagen begleitet und betreut.

So hat die Tiele-Winckler-Haus GmbH mit seinen Einrichtungen in Berlin und darüber hinaus wichtige Maßstäbe gesetzt und gezeigt, dass auch Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf in kleinen Häusern mitten im Wohngebiet gute Nachbarn, Freunde und Teil der Gemeinde sein können, dass auch Menschen mit besonderen Bedarfslagen in ihrer eigenen Wohnung dort leben und betreut werden können, wo auch andere Bürger Leben.

Ermutigt fühlen sich Alle im Tiele-Winckler-Haus durch die UN-Behindertenrechtskonvention, die seit März 2009 in Deutschland Gesetz ist:
ermutigt darin, weiterhin für die Menschen ein zustehen, die die Behindertenhilfe vor besondere Herausforderungen stellen und intensive Unterstützung benötigen, um ihr Recht auf Teilhabe wahrnehmen zu können.
Dieses Ziel verlangt nicht nur das außergewöhnliche Engagement der Mitarbeitenden in der pädagogischen Arbeit, sondern auch den Willen zur Vernetzung mit allen notwendigen Bereichen im Wohnumfeld der uns anvertrauten Menschen, sei es die Kirchengemeinde, die medizinischen Versorgungssysteme, den Werk- und Förderstätten, den Geschäften, Cafes und Kulturstätten.
Die Anstrengungen dürfen nicht ruhen:
gegen Tendenzen anzugehen, die trotz der BRK Menschen mit geistiger Behinderung als steigender Kostenfaktor sehen,
Nachbarn, Wohnungseigentümer, Geschäftsinhaber, Krankenhäuser, Ärzte usw. im jeweiligen Wohnumfeld zu ermuntern, sich für Menschen mit geistiger Behinderung zu öffnen.
Damit wird klar, die Arbeit mit Menschen mit einer geistigen Behinderung beschränkt sich zukünftig nicht mehr nur auf die Einrichtung, in der diese Menschen leben.
Vielmehr sieht die Tiele-Winckler-Haus GmbH ihre Aufgabe darin, gemeinsam mit den ihr anvertrauten Menschen, deren Bürgerrechte in allen Lebensbereichen einzufordern, flexibel auf deren Bedürfnisse einzugehen, sich als professioneller Assistent, Berater und Mitstreiter anzubieten.

Der Dienst in der Liebe, die Jesus den Menschen vorgelebt hat, war für Eva v. Tiele-Winckler Kraftquelle und Richtschnur zugleich.  Möge auf dem von ihr begonnenen Werk in der Tiele-Winckler-Haus GmbH  zum 100. Jubiläum auch weiterhin der Segen Gottes sein, damit es ein Segen für die Menschen, die die Hilfe brauchen, sein kann und „Dem Leben Zukunft“ wird.

Helena Scherer
Regionalleiterin Tiele-Winckler-Haus

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