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25.02.2014

100 Jahre Rathaus Schöneberg

100 Jahre – was für ein Jubiläum! Das sollte gefeiert werden, aber wann? Wann war die Eröffnung des neuen Schöneberger Rathauses genau? Es gab keine Eröffnung oder Einweihung.

Kriegszerstörungen 1945. Museen Tempelhof-Schöneberg

Rathaus Schöneberg 1925. Museen Tempelhof-Schöneberg

Luftbild Rathaus Schöneberg, Postkarte mit Poststempel 1934. Museen Tempelhof-Schöneberg

Als aus dem einst kleinen Dorf eine ansehnliche Gemeinde geworden war und der Ort 1898 sogar die Stadtrechte erhalten hatte, war auch ein neues großes Rathaus erforderlich. Nach dem Beschluss vom 20. Dezember 1901 sollte das neue Rathaus bis 1906 fertig sein. Aber damals schon, wie heute, wurden Zeit- und Kostenpläne nicht eingehalten. Anfangs führten heftige Diskussionen und Streitigkeiten zwischen der Verwaltung und den Bürgern und Grundbesitzern zu jahrelangen Auseinandersetzungen, und erst 1907 wurde endgültig entschieden, dass das Rathaus vor der Stadt auf dem damaligen Mühlenberg erbaut werden sollte.
Dann wurde 1909 der erste Bau-plan abgelehnt und ein Architekten-Wettbewerb  ausgeschrieben. Die dabei prämierten Entwürfe wurden allerdings auch nicht akzeptiert. Es folgte eine weitere Ausschreibung, und jetzt bekam das Charlottenburger Architektenbüro Jürgensen & Bachmann den Zuschlag, im Oktober 1910. Die ursprüngliche Obergrenze von 3,5 Mio. war dabei schon längst überschritten, der Kostenvoranschlag lag bei rd. 4,2 Mio. Mark. Am Ende hatte der gesamte Bau 6,8 Mio. Mark verschlungen.

1913 zogen die ersten Verwaltungsabteilungen ein. Aber erst am 25. März 1914 tagte die Stadtverordnetenversammlung das erste Mal im neuen Rathaus, das war genau vor 100 Jahren. Die eigentliche Einweihung des Hauses, die im Frühjahr 1914 gefeiert werden sollte, musste aber wegen etlicher Bauverzögerungen auf Oktober verschoben werden und ist dann wegen der Kriegsereignisse völlig ausgefallen. Erst im Februar 1917 war die letzte baupolizeiliche Abnahme.

Danach begann die wechselvolle Geschichte des Hauses.

Das Schöneberger Rathaus sollte nicht nur der Verwaltung und Repräsentation dienen, sondern auch allen Bürgern offen stehen. Es gab eine Ausstellungshalle und einen Bürgersaal für kulturelle Veranstaltungen. Die Sparkasse hatte hier ihre Räume, ebenso wie die Stadtbibliothek, und der Ratskeller bot Platz für rund 200 Gäste. Es gehörte sogar eine städtische Weinkellerei zum Haus, in der nicht nur die Weine für das Restaurant und die Feierlichkeiten der Stadtverwaltung lagerten, hier konnte auch der Durchschnittsbürger seinen Wein für den privaten Genuss kaufen.
Nur kurze Zeit blieb es das Rathaus der Stadt Schöneberg. 1920 wurde diese von Groß-Berlin eingemeindet, und das große Haus war nur noch das Rathaus des 11 Verwaltungsbezirkes für Schöneberg und Friedenau. Während des Nationalsozialismus verlor das Rathaus weitestgehend seine Bedeutung, da die Entscheidungen zu Politik und Verwaltung an zentraler Stelle getroffen wurden.

Während des 2 Weltkrieges wurden Teile des Schöneberger Rathauses stark zerstört. Dach und Fenster fehlten, die Heizung funktionierte nicht. Aber nach Ende des Krieges bekam das Rathaus seine Zuständigkeit für Friedenau und Schöneberg wieder. Die Angestellten arbeiteten in Mänteln. Manchmal konnten sie auch nicht arbeiten, weil die Tinte eingefroren war. Obwohl der Bürgersaal schon knapp zwei Wochen nach Kriegsende wieder für ein Konzert des Berliner Kammerorchesters genutzt werden konnte, war der Wiederaufbau des Hauses erst 1955 endlich abgeschlossen.

Damals war das Schöneberger Rathaus schon überall bekannt, weil es nach der politischen Teilung der Stadt bereits seit Januar 1949 Sitz des Regierenden Bürgermeisters von Berlin war. Spätestens als die Freiheitsglocke im Ok-tober1950 im Rathausturm aufgehängt wurde, ist das Schöneberger Rathaus weltberühmt und zu einem Symbol der Stadt geworden. Der Beschluss, die über 10 Tonnen schwere Glocke hier aufzuhängen, wurde erst im Sommer gefasst. Also musste der stark zerstörte Turm innerhalb von 3 Monaten soweit in Stand gesetzt werden, dass zwei zusätzliche Stahlbetondecken eingezogen werden konnten, um der Glocke eine sichere Verankerung zu bieten. Ein Teil der Kosten hierfür wurde aus Mitteln des Marshall-Planes getragen. Wegen der gebotenen Eile wurde auf das Spitzdach des Turmes verzichtet, womit er 11 Meter an Höhe verlor. Eine kleine Panne beim ersten Geläut blieb zum Glück unbemerkt. Als General Clay nach den langen Reden endlich auf den Knopf drückte, der die Glocke in Gang setzten sollte, stellte sich heraus, dass der dafür vorgesehene Motor zu schwach war. So wurde die Glocke von den Handwerkern, die zufällig noch im Turm waren, spontan mit der Hand angeschoben. Seitdem läutet sie jeden Tag um 12.00 Uhr.

Gleichzeitig mit der Sanierung des Hauses und dem Einzug der Berliner Stadtverwaltung wurde aber in den Nachkriegsjahren auch die Schöneberger Bezirksverwaltung wieder aufgebaut. Allerdings musste der Bezirk einige Abteilungen in andere Häuser auslagern, weil es selbst in einem so großen Haus für zwei Regierungen (Land u. Bezirk) auf die Dauer etwas zu eng wurde.

Als aber nach der Wiedervereinigung die Regierung der Stadt Berlin Anfang der 90er Jahre endgültig ins rote Rathaus umzog, hatten die Schöneberger plötzlich ein Bezirksrathaus mit einer repräsentativen Ausstattung zur Verfügung, wie es auf dieser Ebene allgemein nicht üblich ist.

Das Rathaus wird inzwischen auch wieder, wie schon vor 100 Jahren geplant, der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Es gibt Ausstellungen und Konzerte, und für Interessierte Bürger und Touristen werden gelegentlich Führungen angeboten. Die eindrucksvollen großen Räume werden auch von einigen Unternehmen gerne für Tagungen oder Empfänge gemietet.

Zum 100. Geburtstag wird es wieder keine großen Feierlichkeiten geben. Einerseits fehlt das Geld, wie überall. Und andererseits waren für dieses Jahr Baumaßnahmen geplant, deren Beginn sich jedoch verzögert hat, wie immer. Dringende Sanierungen bei der Brandschutztechnik und zusätzliche Fluchtwege müssen erst noch ausgiebig mit der Denkmalschutzbehörde diskutiert werden. Und das dauert offensichtlich länger als gedacht.

So gibt es zu diesem Anlass nur einen kleinen Festakt und ein Konzert vor dem Rathaus. Außerdem wird noch ein Bildband herausgegeben, und es wird eine Sondermünze geprägt mit Rathaus und Schöneberger Wappen. Diese Münze ist allerdings nicht für jeden gedacht, sondern wird nur zu offiziellen Anlässen als Präsent überreicht.

Unser Schöneberger Rathaus, das konzipiert war als Rathaus für die aufstrebende Stadt Schöneberg, bald nur eine Bezirksverwaltung war, im Krieg fast völlig zerstört wurde, dann im Blickfeld der Weltpolitik stand und nun wieder eine Bezirksverwaltung ist, wird jetzt 100 Jahre alt.
Herzlichen Glückwunsch!

Christine Bitterwolf

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