Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

25.06.2013

10 Jahre keinen Verkaufszwang

Die Stadtteilzeitung wird von ehrenamtlichen Redakteuren hergestellt, seit 10 Jahren. Das Nachbarschaftsheim und einige wenige Sponsoren finanzieren seit 10 Jahren diese Zeitung, die in einer Auflage von 10.000 Stück alle vier Wochen erscheint. Die Zeitung liegt an ca. 150 Stellen im Kiez aus. Die Redakteure schreiben. Ehrenamtlich, freiwillig, keiner muß, aber alle wollen. Was für ein Luxus.

Denn es gibt ein anderes Bild in der Zeitungslandschaft. Wir sehen sie jeden Tag, oft am Abend, auch in der Nacht, in der U Bahn, an vielen Plätzen Berlins. Wir sehen die Menschen, die müssen, sie müssen diese Zeitung verkaufen, um sich ein Teil zu ihrer Rente, Hartz IV oder sonstiger Unterstützung dazu zu verdienen. Ich meine „Die Motz“. Auch im Volksmund als Obdachlosen-Zeitung bekannt. Es gibt ungefähr 100 Verkäufer in ganz Berlin. Manchmal nerven sie uns, wenn es in der U Bahn der Dritte oder Vierte ist, der seine Lebensgeschichte erzählt, aber ich denke die Wenigsten von uns wissen um die Geschichte dieser Zeitung und was es bedeutet, verkaufen zu müssen, um zu überleben.

Einer dieser Verkäufer, ein ganz ruhiger, keiner der nervt, heißt Wolfgang G. und steht seit 5 Jahren am Rüdesheimer Platz vor einem Bio-Laden. Viele von uns, die hier am Rüdi einkaufen, kennen ihn, plaudern mit ihm, geben ihm ab und zu etwas und lesen seine Zeitung.

Es ist wirklich seine Zeitung, nicht etwa sein Eigentum, sondern er hat sie mit 20 anderen Personen 1995 gegründet. Wolfgang G. ging es gut. Er lebte im Ausland, auch im Süden Deutschlands und anderen Regionen der Republik. Er kam 1994 nach Berlin, wollte in der Kunstszene arbeiten, er malt, er hatte Galerien und wollte dies in Berlin fortsetzen.

Er sah sehr viele arme Menschen in der Stadt. Er wollte helfen und gründete „Motz“. Er glaubte da-ran, so anderen Menschen helfen zu können, die die Zeitungen verkaufen, um zu überleben.

Sein eigenes Leben funktionierte auch nicht immer so, wie er es sich dachte. In der Kunstszene gab es keinen Platz für ihn. Also ging er wieder in seinen alten, gelernten Beruf. Er war Bäcker. Er wollte aber ein besonderer Bäcker sein. Ein guter Bäcker, der noch alle Produkte mit der Hand herstellte. Das funktionierte sechs Jahre, dann scheiterte Wolfgang G. an zu hohen Mieten und an dem Glauben, dass die Menschen noch handgemachte Backwaren liebten. Er ging Pleite und saß auf der Straße.

Also ging er zurück zur „Motz“, und seitdem verkauft er diese Zeitung, die er selbst mit gegründet hat. Er muss es jetzt, um zu überleben.

Alle Verkäufer müssen die Zeitung für 0,40 Cent kaufen, um sie für 1,20 Euro zu verkaufen. Also bleiben 0,80 Cent pro verkauften Exemplar. Von den 0,40 Cent pro Verkäufer kann die Zeitung hergestellt werden. 20.000 Stück, zweimal im Monat.

Wolfgang G. hat seinen festen Platz am Rüdi. Das ist nicht selbstverständlich. Man braucht natürlich die Erlaubnis des Ladenbesitzers, aber man muß sich auch gegen mafiaähnliche Banden wehren, die die Zeitungen kaufen und die Zeitungen an Menschen weiter geben, die für sie arbeiten. Hier wird um gute Plätze sehr gekämpft. Nicht immer mit fairen Mitteln.

Wolfgang G. hat den Verkaufs-zwang, um zu überleben, denn seine Rente ist einfach zu klein.

Vielleicht denken Sie ab und zu daran.

Wir von der „Stadtteilzeitung“ haben diesen Zwang seit 10 Jahren nicht und werden ihn auch hoffentlich nie bekommen. Wir freuen uns einfach, wenn Sie unsere Zeitung mitnehmen. Wolfgang G. und viele andere Verkäufer freuen sich, wenn Sie die Zeitung kaufen.

Axel de Roche

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